Buben malen anders

„Mein Sohn nimmt überhaupt keinen Stift in die Hand. Er hat Unmengen von Farben und Kreiden und Stifte zur Verfügung und hat keine Lust zum Zeichnen oder Malen.“ – klagen viele Mütter.
Kein Wunder meiner Meinung nach – es gibt nämlich viele unausgesprochenen aber auch sehr wohl ausgesprochenen Erwartungen von Erwachsenen, was Malen heißen soll, was und wie gemalt werden muss. Nämlich wie es die Mädchen tun.
Mit dieser Problematik habe ich zuerst face to face getroffen, als für meinen Sohn ein homeopatisches Mittel hätte gefunden werden sollen. Ich war damals schon sehr skeptisch gegenüber Homeopathie, dieser Zwischenfall hat mich auch nicht unbedingt überzeugt. Mein Sohn musste nämlich drei Zeichnungen der Ärztin machen: ein Haus, einen Baum und einen Menschen. Ich kann ohne zu übertreiben sagen, dass er damals noch keinen einzigen Baum, kein einziges Haus gezeichnet hat. Und schon gar nicht mit Farbstiften. Er hat immer entweder  Abstraktes  oder Kampfszenen gezeichnet mit schwarzem Stift, höchsten mit goldenem oder rotem Stift. Eine Hauptfarbe und eine Kontrastfarbe, eine Farbe für die Guten und eine für die Bösen. Menschen hat er auch nicht gemalt, nur Maxel – und es war nie der einzelne Mensch wichtig, sondern die Massen und das Geschehen auf dem Bild – wer gegen wen kämpft, wer ist gut, wer ist böse, wessen Schwert wie ausschaut. Er wußte übrigens damals, mit 5 schon ganz genau, welche Playmo Figur mit welchem Schwert und Gewehr geliefert war und wehe dem, der es vertauscht hat. Ein Vikinger kann unmöglich mit einem Samuraischwert kämpfen, ist doch klar.
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Zurück zur Story mit den Zeichnungen für die Homöopatin: als ich meinem Sohn gesagt habe, er soll bitte ein Haus, einen Baum und einen Menschen zeichnen, hat er mich mit großen Augen angeschaut. Wieso, warum? Er hat es aber getan, nur meinetwegen – in ca 5 Sekunden alle drei Bilder, 2-3 Bleistiftstriche pro Bild. Das Thema hat ihn nicht angesprochen, so hat er sich keine Mühe gegeben, weder Farben hat er benutzt, noch gab es solche Luxusgüter wie Fenster am Haus oder Laub am Baum. Schnell habe ich nachgeschaut im Internet, wie man Kinderzeichnungen deutet – natürlich waren die Zeichnungen meines Sohnes weit vom Kosher. Ein Haus ohne Fenster bedeutet: das Kind sei unfähig Beziehungen aufzubauen, ein Baum ohne Blätter, ein Mensch ohne Hände und Gesichtszüge – alles ganz, ganz schlimm. Und die schwarze Farbe deutet angeblich sowieso darauf hin, dass das Kind mit großer Wahrscheinlichkeit ein Psychopat wird. Dabei war ihm das einzige Problem, warum wir zur Homöopathin gegangen sind, dass er nicht aufs Daunenlutschen verzichten wollte und das hat einige Leute in seiner Umgebung gestört (nicht aus der Familie übrigens).
Mit diesem Beispiel wollte ich nur zeigen, welche Erwartungen in den meisten Erzieherinnen im Kindergarten und auch in Eltern immer noch da sind. Esstens: Ein Kind soll malen. (Wieso? Vielleicht kann er sich besser beim Spielen oder beim Singen ausdrücken, wie Erwachsene auch ganz unterschiedlich ihre Erlebnisse aufarbeiten.) Zweitens: Ein Kind soll Farben benutzen, möglichst viele. (Wieso, wenn im Wohnzimmer der Familie auch nur eine Dominante Farbe und eine Kontrastfarbe zu sehen ist und der Christbaum auch nur mit einer Farbe geschmückt wird?) Drittens: Ein Kind soll Häuser malen, Menschen, Tiere, Bäume, Blumen, Berge, Natur. Immer nur Schönes und Friedliches, sonst stimmt sicher etwas in der Familie nicht, das Kind wird geschlagen, die Eltern haben ständig Streit oder vernachlässigen das Kind.
Schön, dass die Welt nicht so schwarz-weiß ist, wie nach diesen einfachen Vorstellungen sein sollte. (Hhmm – ich dachte, Zeichnen wäre eine Art Aufarbeitung von Konflikten und nicht Darbieten von idyllischen Naturszenen, die ein Großstadtkind meistens nur im Urlaub zu sehen bekommt. Und nein, Kriege malen nicht nur Kinder, die in Kriegsgebieten leben – der Kampf zwischen Gut und Böse und auch der visuelle Ausdruck von diesem Kampf gehört zur ganz normalen Entwicklung eines Kindes, auch wenn es selber ganz ohne Gewalt aufwächst.)
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Inzwischen sind fast 2 Jahren vergangen, seitdem mein Sohn sich geweigert hat Bäume, Menschen und Häuser zu malen. Er sagt immer noch: er malt nicht, weil es viel leichter ist, mit dem Stift zu zeichnen und er muss noch viel lernen um mit der Wasserfarbe umgehen zu können. Damit weiß er ganz instinktiv, was auch Künstler wissen. Er ist ein typischer Junge, malt immer noch Kampfszenen am liebsten. Seit neulich meistens Seekämpfe, die Vikinger gegen die Spanier. Wunderbar detailliert gezeichnete Schiffe und Maxel mit schön gezeichnetem Schwert, Flaggen am Schiff. Was ihm wichtig ist, bekommt viel Aufmerksamkeit am Bild und ist detaillreich ausgearbeitet. Die Persönlichkeit der Menschen – gut oder böse – zeigt er nicht am Gesichtsausdruck sondern durch die verwendete Farbe. Aber die Schilder und die Kampfkleidung sind so treu gezeichnet, dass es in einem Zeichentrickfilm über Geschichte durchgehen würde. Himmel und See? Zwei schmale blaue Linien oben und unten, das war es schon. Die Sonne zeigt sich nicht. Die Natur interessiert ihn beim Zeichnen überhaupt nicht.
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Wenn Mädchen zeichnen, schaut es meistens ganz anders aus. Die Sonne ist in einem Winkel oben, der Himmel ist blau, das Gras ist grün, ein krummer Weg mit Steinen führt zum Haus, das natürlich viele Fenster hat mit Vorhängen – versteht sich. Und Blumen drumherum, ein Mädchen führt einen Hund an der Leine. Und wenn es noch nicht völlig klar ist, dass das Mädchen eine friedvolle Stimmung am Bild festhalten will, kommen noch ein paar Herzerl ans Bild gemalt. Alles schön bunt natürlich, am besten noch mit Glitzerstift dekoriert.
Ich finde beide Arten von Bildern gut. Die Kinder malen, was ihnen Spass macht und es ist einfach so, dass im Kleinkindalter die Welten der Buben und Mädchen noch sehr oft unterschiedlich sind. Schade nur, dass dieses Unterschiedlichsein von Buben oft als Problematischsein gedeutet wird. Weil sie nicht ruhig sitzen können, weil sie nicht bunt malen, weil sie Kämpfe nachspielen, sind sie gleich als hyperaktiv und agressiv abgestemplelt. Dabei sind es weit nicht alle. Sie malen, spielen und leben nur anders – sie sind ja Buben. In ein paar Jahren werden sie dann rosane Hemde und Krawatten tragen, bis dahin haben sie aber noch ein paar Jahren Freiheit vor sich.

Wiener Stadtwanderwege

Die Stadtwanderwege von Wien kann ich besonders schätzen, weil man alle – oder zumindest diejenige, die wir schon ausprobiert haben-  auch mit den Öffis gut erreicht. Der Wanderweg 1 startet bei der Endstation vom D-Wagen in Nußdorf und führt zum Kahlenberg, dann wieder zurück in die Stadt auf einem anderen Weg. Wir haben die erste Hälfte des Weges gemacht bis Kahlenberg, und den Rückweg improviesiert. Zuerst mit dem Bus nach Leopoldsberg – eigentlich versehentlich – und von dort auf dem Nasenweg runter zu Fuß bis Kahlenberg Dorf, von dort aus dann wieder mit dem Bus bis Heiligenstadt. So war es eine ca 3-4 sündige Strecke mit Jausen und ganz in einem kindgerechten Tempo.ww2

Vor zwei Wochen war es schon schön herbstlich, alles goldgelb, grün und rötlich, ein bisschen nebelig am Vormittag, zu Mittag aber schon heiter und auch richtig warm. Ganz am Anfang des Weges, am Beethovengang gibt es einen tollen Spielplatz, hier sind wir fast stecken geblieben.

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Wie ihr sehen könnt, gelb hat überall dominiert.

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Und wie überall, gab es auch hier etwas für Buben, die sich für Kriege interessieren. Drei ukrainische Soldaten mit Schwert und mit besonderer Frisur.